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Was passiert, wenn einer der führenden Transformationsforscher in die Mühlen von Verwaltung und Kommunalpolitik gerät? Davon erzählt Uwe Schneidewind, ehemaliger Präsident des Wuppertal-Institutes, in seinem Buch „Dienstschluss – Herausforderung Kommunalpolitik“.  

Schneidewind schildert, wie er die geschützte Welt wissenschaftlicher Konzepte verlässt und für fünf Jahre als Oberbürgermeister von Wuppertal unmittelbar in die Realität von Verwaltung, Lokalpolitik und kommunalen Machtstrukturen eintaucht. Herausgekommen ist kein klassisches kommunalpolitisches Sachbuch, sondern eine Mischung aus Erfahrungsbericht, Analyse und Weckruf. 

Transformation ist keine abstrakte Zukunftsfrage 

Die Auswirkungen von Klimawandel, Artensterben oder Ressourcenübernutzung sind längst im Alltag der Menschen angekommen. Städte und Kommunen stehen im Zentrum notwendiger Veränderung. Sie müssen klimafitter und digitaler werden, Innenstädte müssen neu ausgerichtet, Infrastruktur saniert und Antworten auf eine immer diversere Gesellschaft gefunden werden. Die Erkenntnisse hierfür liegen längst auf dem Tisch. Doch, wie Schneidewind immer wieder betont: „Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem.“

Schneidewind beschreibt dabei sehr präzise, warum Veränderungen vor Ort oft stocken. Ein Geflecht aus politischen Interessen, Verwaltungslogiken, rechtlichen Vorgaben und psychologischen Widerständen erschwert es Kommunen, Transformationsprozesse anzuschieben. Besonders dann, wenn Machtpolitik gute Argumente verdrängt, Zuständigkeiten wichtiger sind als Lösungen oder Veränderung auf professionelle „Neinsager“ trifft.

Die Psychologie des Widerstands

Transformation bedeutet Unsicherheit und Menschen reagieren darauf selten rational. Ein zentrales Phänomen laut Schneidewind ist der sogenannte Status-quo-Bias: Bestehende Zustände werden bevorzugt, selbst wenn Alternativen objektiv sinnvoller wären. Veränderung scheitert daher oft nicht am fehlenden Wissen, sondern an der menschlichen Tendenz, am Vertrauten festzuhalten.

Daneben skizziert Schneidewind ein weiteres Muster kommunalpolitischer Realität: den „professionellen Neinsager“. Anhand vieler Beispiele zeichnet er eindrücklich das Bild jener Akteure, die mit rechtlichen Bedenken, taktischen Verzögerungen oder formalen Einwänden jede Veränderung ausbremsen können. Auch in der Verwaltung gibt es Blockierer - die sogenannten „Verwaltungspartisanen“. Jede Veränderung, neue Lösung oder fachübergreifende Zusammenarbeit wird von diesen als Angriff gesehen. Ihr Zauberwort: Zuständigkeit. Diese Beobachtungen dürften vielen Kommunalpolitiker*innen erschreckend vertraut vorkommen. 

Dilemmata moderner Kommunalpolitik

Schneidewind analysiert außerdem verschiedene strukturelle Dilemmata moderner Kommunalpolitik. Das „Demokratiedilemma“ etwa beschreibt die Spannung zwischen demokratischer Absicherung und Geschwindigkeit. Föderale Strukturen und langwierige Abstimmungsprozesse schützen vor Machtmissbrauch, machen schnelle Veränderungen aber oft unmöglich. Ähnlich verhält es sich mit dem „Normendilemma“: Jede einzelne Vorschrift mag sinnvoll sein, doch die Summe der Regeln führt häufig dazu, dass Prozesse blockiert werden und Handlungsfähigkeit verloren geht.

Auch die zunehmende Entfremdung zwischen kommunaler Politik und Stadtgesellschaft sieht Schneidewind kritisch. Wenn kommunale Parlamente die gesellschaftliche Vielfalt immer weniger widerspiegeln, wächst der Abstand zur Bürgerschaft – und damit das Misstrauen gegenüber politischen Entscheidungen.

Problematisch sind aus seiner Sicht zudem strukturelle Besonderheiten in der Verwaltung. Während Oberbürgermeister*innen ihr Mandat direkt von der Bevölkerung erhalten, werden Dezernentinnen und Beigeordnete vom Stadtrat gewählt, häufig unter Einfluss parteipolitischer Proporze. Aus dieser Konstellation ein handlungsfähiges Führungsteam zu formen, stellt eine zentrale Herausforderung dar.

Die Möglichmacher der Transformation

Gleichzeitig bleibt das Buch nicht bei einer pessimistischen Problembeschreibung stehen. Vielmehr zeigt Schneidewind, dass es in Bürgerschaft, Politik und Verwaltung nicht nur „Partisanen“, sondern auch „Guerillas“ gibt – Menschen, die pragmatisch nach Lösungen suchen. Diese Möglichmacher sehen nicht nur Probleme, sondern entwickeln Vorstellungen davon, wie es besser werden kann.

Dazu zählen Verwaltungsmitarbeiter*innen, die fachübergreifend denken und lösungsorientiert und mit Augenmaß handeln aber auch Kommunalpolitiker*innen, denen Inhalte wichtiger sind als Machtfragen. Eine zentrale Rolle spielt für Schneidewind die engagierte Zivilgesellschaft. Quartiersinitiativen schaffen Räume zum Experimentieren, während sogenannte „Systemintegratoren“ jenseits parteipolitischer Zwänge Menschen hinter gemeinsamen Ideen versammeln. 

Veränderung durch kleine Schritte

Und Schneidewind macht Mut: Entscheidend sei es, dort anzusetzen, wo Fortschritt gerade möglich erscheint. Auch kleine Schritte können Bewegung erzeugen und langfristig größere Veränderungen vorbereiten. Hinzu kommt, dass sich politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen immer wieder verschieben und selbst festgefahrene Situationen dadurch in Bewegung geraten können. Hoffnung setzt er dabei besonders auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft.

Gleichzeitig thematisiert Schneidewind die zunehmende Polarisierung und den Einfluss populistischer Debatten. Destruktive Kritik und negative Empörungsdynamiken schwächen häufig die Bereitschaft zur Veränderung. Umso wichtiger sei es, sich nicht dauerhaft an negativen Kräften abzuarbeiten, sondern Positives sichtbar zu machen und zu stärken.

Mut zur Fehlerkultur

Ein zentrales Element für Schneidewind ist darüberhinaus eine neue Fehlerkultur – ein Gedanke, der sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht. Wer Transformation ernst meint, muss akzeptieren, dass neue Wege Irrtümer, Unsicherheiten und Rückschläge mit sich bringen. Eine Gesellschaft im Umbruch braucht deshalb Räume zum Ausprobieren, Mut zum Risiko und die Bereitschaft, Fehler zu tolerieren und aus ihnen zu lernen. Vor allem aber braucht sie Menschen, die auch bei Widerständen weitermachen.

Allen Widrigkeiten zum Trotz funktioniert Stadtgesellschaft oft erstaunlich gut – und genau darin liegt für Schneidewind ein Grund zur Hoffnung. Gerade Krisensituationen würden immer wieder zeigen, wie viel in kurzer Zeit möglich wird, wenn Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft gemeinsam handeln.

Transformation als gesellschaftlicher Prozess

„Dienstschluss“ macht deutlich, dass Transformation ein permanenter gesellschaftlicher Aushandlungsprozess ist. Gelingen kann sie vor allem dann, wenn sie psychologisch klug gestaltet wird. Es braucht positive Zukunftsbilder statt Verzichtsdebatten, konkrete Erfolgserlebnisse statt abstrakter Ziele und Beteiligung statt Betroffenheit. Ebenso wichtig sind soziale Vorbilder, die zeigen, dass Veränderung machbar und normal ist. Wenn Menschen das Gefühl bekommen, Teil einer gemeinsamen Entwicklung zu sein, sinkt die innere Abwehr. Veränderung gelingt laut Schneidewinds Erfahrungen nicht gegen die Menschen, sondern nur mit ihnen.

„Dienstschluss – Herausforderung Kommunalpolitik“ überzeugt vor allem durch die Nähe zur kommunalpolitischen Praxis. Darin liegt eine besondere Stärke des Buches. Uwe Schneidewind beschreibt Verwaltung und Politik ohne Verklärung, aber auch ohne Zynismus. Wer sich für Kommunalpolitik und die Umsetzung von Transformation interessiert, findet hier zwar keine einfachen Lösungen, dafür aber eine ehrliche Bestandsaufnahme. Das Buch zeigt eindrücklich, wie mühsam gesellschaftlicher Wandel ist – und warum er dennoch möglich ist.

Online-Lesung mit Uwe Schneidewind und der GAR NRW

Am Donnerstag, 17. September, 19:00 Uhr bis 21:00 Uhr liest Uwe Schneidewind für uns aus seinem Buch "Dienstschluss". Hier kannst du dich anmelden

Dienstschluss - Herausforderung Kommunalpolitik
Autor: Uwe Schneidewind
Herausgeber: Verlag Klaus Wagenbach GmbH
Erscheinungstermin: 12. März 2026
1. Auflage 
Seitenzahl: 160 Seiten
ISBN-10: 3803137683
ISBN-13:  978-3803137685