Energie, Verkehr und Wärme: Wie steht es vor Ort um die Akzeptanz der Transformation?
Das neue Soziale Nachhaltigkeitsbarometer der Bertelsmann Stiftung liefert wertvolle Orientierungshilfe: Die Studie zeigt auf, in welchen Bereichen die Bürgerinnen und Bürger nachhaltigen Wandel unterstützen und wo beispielsweise finanzielle Sorgen oder praktische Hürden im Alltag die Akzeptanz beeinflussen.
Die Transformation hin zu einer nachhaltigeren Gesellschaft ist längst zu einer zentralen Herausforderung für Politik, Wirtschaft und Alltag in Deutschland geworden. Zusätzliche Dynamik erhält dieser Wandel durch das Ziel der Klimaneutralität, das insbesondere in den Bereichen Energie, Verkehr und Wärme tiefgreifende Veränderungen erfordert.
Dabei geht es nicht allein um den Schutz von Klima und Umwelt, sondern auch um die Frage, wie ein gutes Leben für heutige und zukünftige Generationen ermöglicht werden kann.
Gerade auf kommunaler Ebene wird diese Transformation konkret: Hier entstehen Windparks und Photovoltaikanlagen, Wärmenetze werden geplant und Radwege gebaut. Damit stellt sich für die Kommunalpolitik eine zentrale Frage: Unter welchen Bedingungen sind Bürger*innen bereit, Veränderungen mitzutragen.
Das aktuelle "Soziale Nachhaltigkeitsbarometer der Transformation", ein gemeinsames Projekt der Bertelsmann Stiftung und des Forschungsinstituts für Nachhaltigkeit am GFZ (RIFS) liefert hierzu wertvolle Hinweise. Die Ergebnisse zeigen: Auch in Zeiten multipler Krisen gibt es in Deutschland weiterhin eine breite gesellschaftliche Unterstützung für den Klimaschutz und die Notwendigkeit, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Zugleich wird deutlich, dass die Zustimmung zu den grundsätzlichen Zielen des Klimaschutzes nicht automatisch mit der Zustimmung zu konkreten Maßnahmen und ihrer politischen Ausgestaltung einhergeht.
Für Kommunalpolitiker*innen ist die Studie interessant, weil sie nicht nur zeigt, wie groß die Unterstützung für nachhaltigen Wandel ist, sondern auch, an welchen Punkten diese Zustimmung im Alltag brüchig wird. Für Kommunen liefert die Studie damit konkrete Hinweise darauf, wie Transformationsprozesse vor Ort gestaltet und vermittelt werden können.
Breite Unterstützung für konsequenten Klimaschutz – aber mit Grenzen
In Deutschland gibt es weiterhin eine Mehrheit für einen konsequenten Klimaschutz sowie die Energie-, Verkehrs- und Wärmewende. Acht von zehn Menschen machen sich Sorgen über den Klimawandel, nur jede zehnte Person zweifelt daran, dass er menschengemacht ist. Zugleich sprechen sich 54 Prozent der Bundesbürger*innen für höhere staatliche Ausgaben für den Klimaschutz aus, 56 Prozent wünschen sich weitere Maßnahmen für die Energie-, Verkehrs- und Wärmewende.
Gleichzeitig wird dieser Rückhalt fragiler: Die Besorgnis über den Klimawandel ist im Vergleich zu den Vorjahren zurückgegangen, und auch die Zustimmung zu einzelnen Bereichen der Transformation nimmt ab. Ein Beispiel ist die Energiewende: Vor fünf Jahren lag die Zustimmung unter den Befragten noch bei 69 Prozent, vor drei Jahren bei 65 Prozent, heute sind es 60 Prozent.
Finanzielle Sorgen beeinflussen die Akzeptanz
Der Blick auf die wirtschaftliche Situation liefert weitere wichtige Erkenntnisse. 53 Prozent der Befragten machen sich Sorgen über mögliche Auswirkungen des Klimaschutzes auf ihre persönliche finanzielle Situation in den kommenden fünf Jahren. 39 Prozent der Bevölkerung befürchten vor dem Hintergrund der aktuellen Klimapolitik gesamtwirtschaftliche Wohlstandsverluste. Besonders relevant für die kommunale Ebene: 79 Prozent der Befragten halten den Umstieg privater Haushalte auf klimafreundliche Technologien ohne staatliche Unterstützung für nicht machbar.
Die soziale und finanzielle Ausgestaltung von Transformationsmaßnahmen ist für ihre Akzeptanz zentral. Gleichzeitig sehen viele Menschen keinen grundsätzlichen Widerspruch zwischen Wirtschaftswachstum und Klimaschutz. Für 52 Prozent sind Wirtschaftswachstum und Klimaschutz relativ gleichrangige Ziele. 44 Prozent sehen Investitionen in den Klimaschutz bereits als Chance für die Wirtschaft.
Für die kommunale Praxis lässt sich ableiten: Kommunen können zwar nicht alle finanziellen Rahmenbedingungen selbst bestimmen. Sie können aber etwa durch Beratung, Förderinformationen, Härtefallangebote, lokale Beteiligungsmöglichkeiten und eine frühzeitige Kommunikation dazu beitragen, Unsicherheiten zu reduzieren.
Vertrauen entscheidet mit
Neben der befürchteten wirtschaftlichen Belastung zeigt die Studie ein zweites Problem: das fehlende Vertrauen in die politische Gestaltung des Wandels. 56 Prozent der Befragten empfinden die Energiewendepolitik als tendenziell unverständlich, 63 Prozent als bürgerfern. 55 Prozent sagen, ihnen fehle das Vertrauen, dass die Bundesregierung bei der Gestaltung des nachhaltigen Wandels im Interesse der Allgemeinheit handele.
Die Ergebnisse legen nahe, dass dauerhaft tragfähiger Klimaschutz auf wissenschaftlich fundierten Entscheidungen und einer glaubwürdigen Einbindung der Bevölkerung angewiesen ist. Andernfalls kann selbst ein bestehendes gesellschaftliches Mandat für den Klimaschutz ins Wanken geraten.
Da viele Transformationsmaßnahmen vor Ort konkret werden und den Alltag unmittelbar betreffen, kommt der Kommunalpolitik eine zentrale Rolle zu: Sie muss Entscheidungen nachvollziehbar machen, Beteiligung ermöglichen und unterschiedliche Interessen berücksichtigen. Denn Akzeptanz entsteht nicht allein durch gute Argumente für den Klimaschutz, sondern auch dort, wo Menschen das Gefühl haben, dass ihre Perspektiven gehört werden.
Entscheidend ist die konkrete Ausgestaltung der Maßnahmen
Die Ergebnisse zeigen zugleich, dass die in den vergangenen Jahren zurückgehende Unterstützung keineswegs mit einer fundamentalen Abwehrhaltung gleichzusetzen ist. 78 Prozent der Befragten unterstützen beispielsweise einen höheren Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromgewinnung. Auch der Neubau von Windenergie vor Ort wird mehrheitlich befürwortet. Dem Ersatz von bestehenden Windenergieanlagen durch
leistungsstärkere und modernere Anlagen stimmen sogar 49 Prozent voll und ganz zu, weitere 29 geben an, damit eher einverstanden zu sein.
Der zentrale Befund für die kommunale Praxis lautet: Im Zentrum steht weniger die grundsätzliche Legitimation der Transformation als ihre konkrete Ausgestaltung. Entscheidend scheint zu sein, ob Maßnahmen im Alltag als sinnvoll, machbar und gerecht wahrgenommen werden.
Zum Studiendesign
Das Soziale Nachhaltigkeitsbarometer der Transformation ist ein gemeinsames Projekt der Bertelsmann Stiftung und des Forschungsinstituts für Nachhaltigkeit am GFZ. Es basiert auf Vorarbeiten der Jahre 2021-2023 und ist als Panelstudie angelegt. Durchgeführt wird die Erhebung von forsa im forsa.omninet Panel. Als Grundgesamtheit der vorliegenden Studie gilt die deutschsprachige Wohnbevölkerung ab 18 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland. Für die diesjährige Onlineerhebung wurden zwischen dem 23. März und 13. April 2026 insgesamt 6.566 Personen befragt.
Zur Studie
Soziales Nachhaltigkeitsbarometer der Transformation: Jahresbericht 2026
PDF, Erscheinungstermin 13.08.2026, 1. Auflage, 2 Seiten
Kurzfassung Soziales Nachhaltigkeitsbarometerr der Transformation: Jahresbericht 2026
PDF, Erscheinungstermin 13.08.2026, 1. Auflage, 36 Seiten